Rede zum Schulentwicklungsplan

Rede im Kreistag von Wolfgang Lippe

Was braucht man in Limburg-Weilburg zu einem Schulentwicklungsplan?

Ein Beratungsbüro bei dem man außer Daten der statistischen Ämter, der HESIS-Statistiken des Landes, eine qualitative Fortschreibung der Schulentwicklung mit Interviews von Eltern, Schülern und Lehrern unterfüttert?

Weit gefehlt. Man einigt sich in der Groko darauf alle kritischen Dinge vom „freien Spiel der Kräfte“ –„ Survival oft he fittest“ lösen zu lassen. Punkt!

Für uns GRÜNE sind die Gründe für die Ablehnung unseres Antrags zu den Oberstufenschulen nicht nachvollziehbar. Dazu zitiere ich kurz aus dem offiziellen Protokoll der Ausschusssitzung: „Im Rahmen der Aussprache im Ausschuss stellt der Vorsitzende -Herr Veyhelmann – dar, dass derzeit aufgrund des Wunsch- und Wahlrechts die Tendenz Richtung beruflichen Gymnasien geht. Es wurde jedoch geprüft, ob eine Kanalisierung möglich ist. Dies sei jedoch nicht möglich.“(Anmerkung von mir: Wer hat hier was, wie geprüft ?)

„Landrat Michel ergänzt, dass eine Spezialisierung und weiterer Ausbau der berufsbildenden Schulen durch den Landkreis gewünscht war und insgesamt positiv zu bewerten ist. … Insgesamt sieht auch er keine Steuerungsmöglichkeit der Schülerströme. Allerdings verweist er auf die Kapazitätsbegrenzung. (- für alle nicht eingeweihten – damit ist eine Höchstgrenze für Schülerzahlen an den erfolgreichsten beruflichen Gymnasien gemeint). Ein weiterer Ausbau der beruflichen Schulen stehe nicht zur Diskussion. „Parallel dazu sieht er es als Aufgabe des Kreises, die klassischen Gymnasien zu erhalten.“

Herr Landrat ich staune über diese Worte – wo ist das mit Eltern, den Schulen und den Schülern so abgestimmt worden? Ist das etwa keine Schulentwicklungsplanung – nur eben offiziell – und seltsamerweise für nicht nötig erachtet. Die erfolgreichen beruflichen Gymnasien werden nun gedeckelt und stattdessen wollen sie die traditionellen Gymnasien fördern. Herr Landrat, das ist fürwahr eine traurige Perspektive, die sie für die große Masse unserer Real- und Hauptschüler entwickeln.

Tatsache ist, dass die beruflichen Gymnasien der Reichwein-Schule, der PPC, der Knapp-Schule ebenso wie Fachoberschulen der Dessauer , Reichwein- und Knapp-Schule Bildungsangebote machen, die sehr gefragt sind.

Sie sind für die Realschüler unseres Kreises zum Garanten für die Möglichkeit geworden, die allgemeine Hochschul- oder der Fachhochschulreife zu erlangen. Selbst für Schüler der 9 oder10 der klassischen Gymnasien besitzen sie eine steigende Attraktivität, es gibt viele Systemwechsler. Aber ganz klar 70-80 % der Schüler kommen aus der Realschule.

Die fallende Nachfrage nach G8 bei den Gymnasien hätte die Gymnasien fast ruiniert. In allerletzter Minute wird nun überall zu G9 zurückgewechselt, um die Schulen wenigstens zu stabilisieren.

Die Zahlen für die klassische Berufsschule, Partner der dualen Ausbildung der Wirtschaft sind inzwischen auf niedrigem Niveau stabil. Grob gerechnet haben sich hier in unserer Region die Zahlen seit 20 Jahren fast halbiert.

Es gibt schlicht kein ausreichendes Angebot an attraktiven Ausbildungsberufen. In den als attraktiv empfunden Berufen der dualen Ausbildung, gibt es eine wesentlich höhere Nachfrage als Angebot. Abiturienten konkurrieren hier mit den guten Realschülern um die Ausbildungsplätze.

Sehr geehrte ältere Damen und Herren in diesem Parlament –damit sie mich klar verstehen: In Berufen in denen sie in den 60 und 70 iger Jahren noch mit Volks- oder Hauptschulabschluss Ausbildungen absolvierten – nehmen wir den z.B. den Industriekaufmann oder den Mechaniker – heute Mechatroniker– benötigen Sie nun einen hervorragenden Realschulabschluss oder sogar Abitur.

Hauptschüler sind in diesem Wettbewerb schon lange abgehängt, ein Realschulabschluss mit einer schlechteren Durchschnittsnote als 3, muss häufig in Berufsfachschulen nachgebessert werden. Das ist die Realität des Dualen Ausbildungssystems. Viele junge Menschen mit Realschulabschluss müssen versuchen über die vollschulischen Ausbildungsangebote der beruflichen Schulen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen oder Zugang zu den Fachoberschulen zu erhalten.

Es ist angesichts dieser Tatsachen klar, dass Eltern und junge Erwachsene immer mehr für ihre Zukunft auf eine Hochschulausbildung setzen. In einer globalisierten Welt auch sicher eine gute Wahl. Die Auslese der traditionellen Gymnasien – „Du gehörst nicht hierher!“ lassen sich junge Menschen nicht mehr gefallen.

Für die Menschen in unserem Landkreis sind attraktive Arbeitsplätze für hochqualifizierte Arbeitnehmer und junge Start UPs rar. Der größte Teil fährt nach dem Studium weiter in das Rhein-Maingebiet mit Flughafen, Finanzwelt und Technologiekonzernen oder zieht um.

Aber auch umgekehrt haben wir im Landkreis Zuwanderer aus Ballungsregionen. Es sind Menschen, die für ihre Familien naturnahe Räume zum Leben suchen.

Sie brauchen natürlich auch eine attraktive Infrastruktur-. Kindergärten, Schulen, ärztl. Versorgung, Kulturleben usw. – und wir zeigen diesen Menschen dann nur den Weg zum nächsten Gymnasium oder gar zur katholischen Privatschule?

Das ist sicher polemisch, aber es soll verdeutlichen, warum wir GRÜNEN es nicht fassen können, dass eine breite Diskussion über die Zukunft unserer Jugend ab Klasse 10 zu führen, angeblich nicht nötig in diesem Hause ist! Hat die-Politik ihre Steuerungs- und Lenkungsfunktion wirklich verloren?

Wir müssen den heutigen Qualifikations-Bedürfnissen und dem Wandel in einer sich globalisierenden Welt auch bei uns zum Durchbruch verhelfen. Daran hängt auch die Zukunft unseres Landkreises.

Warum beginnen die ersten beruflichen Schulen jetzt in Partnerschaft mit Hochschulen den Einstieg in Bachelor-Studiengänge? Weil Sie über die traditionellen Wege hinaus denken und planen. Sie wollen in Partnerschaft mit der Wirtschaft und den Hochschulen neue Wege gehen, die Zukunft in unsere Region zu bringen, statt die Menschen zu zwingen für ein Hochschulstudium Limburg-Weilburg hinter sich zu lassen.

Angesichts unserer GRÜNEN Haltung, die wichtigsten Entscheidungen für unsere Kinder nicht allein dem „Markt“ zu überlassen, bitten wir alle Abgeordneten dieses Hauses, nicht den Empfehlungen des Ausschusses zu folgen, sondern mit uns für eine echte Entwicklungsplanung der Oberstufenschulen zu votieren.

Unsere Jugend braucht Perspektiven für die Zukunft – und Herr Landrat, da wieder einmal auf das traditionelle Gymnasium zu setzen – ist schlicht demotivierend für die große Masse unserer jungen Menschen. Viele Menschen haben sich längst davon verabschiedet, auch wenn es die Lieblingsschulform der CDU bleibt. Versuchen wir doch schlicht die Vorbereitung auf ein Studium und die berufliche Bildung besser zu verzahnen.

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